Rettungsschirm nutzen oder nicht

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  • Hallo an die Fliegergemeinde,

    nun ich habe hier im Forum schon so einige Dinge lesen und lernen können, die mir recht gut geholfen haben. Aber es soll jetzt in diesem Beitrag auch nicht ums normale und ruhige gerade aus Fliegen gehen, sondern um die Entscheidung - Schirm ziehen oder Landeversuch. Und das jetzt, nicht in 10 Minuten, sondern sofort unmittelbar jetzt und in diesem Moment!

    Ein Beispiel: In Koblenz kollidiert ein Segler mit einem UL in der Platzrunde. Die Zeitung schreibt: Der UL-ler hat den Schirm gezogen und damit sich und dem Segelflieger das Leben gerettet. Der Segler hatte sich im UL verkeilt. Bitte keine Kommentare hierzu. Es dient nur als Beispiel!

    Anderes Beispiel: In Grefrath zieht ein Pilot den Schirm und macht vermutlich alles falsch, was man nur falsch machen kann. Bitte auch hierzu keine Kommentare. Es dient nur als weiters Beispiel!

    Als Anfänger mit gerade mal 200 Stunden, frage ich mich nun, was wäre denn eine richtige Entscheidung??? Nun ich weiss, dass man bei einer Notlandung immer "Braun vor Grün" wählen soll. Und im Frühjahr und Herbst möglichst nicht quer zu den gepflügten Rillen. Das wird ja auch alles so geschult und hat seinen guten Hintergrund.

    Aber wo -  oder wann spätestens - oder wann niemals soll/darf ich den Schirm nutzen???  Was geschieht überhaupt, wenn ich den roten Hebel ziehe??? Muss ich mich selber noch irgend wie schützen??? Wie gross ist der Schlag, wenn dann der Schirm in der Luft "greift"??? Was muss ich sonst noch dringend tun???  Ich finde leider zu all diesen Fragen keine "Spielregeln".

    Hat jemand von euch  -  und jetzt bitte beim Thema bleiben, denn ich finde es hat einen gewisse Seriosität verdient  -  eine fundierte Übersicht, Verhaltensvorschrift, Spielregeln, oder Ablaufpläne, wie man sich Verhalten soll/muss?

    Gruss, Karl

  • Hallo Karl,

    vielen Dank für diese absolut nachvollziehbaren und berechtigten Fragen.

    Ich habe noch weniger Stunden auf der Uhr - ca. 40 und fliege seit nunmehr 1,5 Jahren. Ich habe mir auch schon desöfteren die Frage gestellt, wann der Schirm gezogen werden sollte.

    Ich persönlich sehe es so, dass der Schirm erst im äußersten Notfall zum Einsatz kommen sollte - quasi als "Lebensversicherung" wenn absolut garnichts mehr geht -> Versagen des Höhenruders.

    Um generell in solchen Ausnahmesituationen korrekt reagieren zu können, haben wir den Punkt "Notfallbriefing" in der Checkliste. Diese beinhaltet z. B. auch Gedanken zum Startabbruch.

    Zurück zum Thema: Ich habe es "zum Glück" noch nicht erlebt, dass jemand seinen Schirm auslösen musste. Ich stelle es mir vor wie der "Reserveschirm" beim Fallschirmsprung. Der haut dann komplett durch und wird sicher Spuren an der Zelle hervorrufen.

    Zu beachten sind die "bekannten" Punkte Zündung aus, Brandhahn zu und Funkspruch absetzen, damit die Rettung schonmal alarmiert werden kann. Der Aufprall wird sicher kein Zuckerschlecken. Man sollte versuchen, die Gurte zu prüfen und ggf. strammer zu ziehen und den Kopf zu schützen. Wenn es über Wasser runter geht, würde ich noch in der Luft die Tür komplett öffnen.

    Gespannt bin ich auch auf etwaige Kommentare von Fliegerkameraden, die sowas schon erleben mussten.


    Happy landings

    Sebastian

  • Ich teile die Meinung von Flusi. Solange die Kiste steuerbar ist und ich aktiv zu einer Notlandung beitragen kann würde ich wahrscheinlich nicht den roten Griff ziehen. Ein absolutes Horrorszenerio ist für mich den Schirm im Gebirge oder über einen dicht bebauten Gebiet auslösen zu müssen. Ich schätze eine Grundregel für das Auslösen des des Schirms gibt es nicht. 

  • Hallo,

    gute Frage! Meine Ansicht dazu (und ich habe weniger Flugerfahrung als Du):

    Ich würde den Schirm nur ziehen, wenn für mein Empfinden die Chance auf eine gesteuerte Notlandung zu gering ist. Wie niedrig diese geschätzte Chance auf gesteuerte Notlandung sein muss, damit man diese Option nicht mehr zieht, sondern auf den Schirm zurückgreift, dass muss jeder für sich entscheiden. Meine persönliche Grenze: Alles, was weniger als eine wirklich gute Chance auf Notlandung ist, würde mich den Schirm ziehen lassen. (Ja, alles subjektiv)

    Wichtig finde ich, sich nicht erst im Notfallmoment Gedanken darüber zu machen, sondern vorher. Am besten in aller Seelenruhe in einer ungestörten und großzügig bemessenen Zeitnische auf der Couch zuhause. "Chairflying".

    Ich habe das getan und bin zu dem Schluss gekommen, dass es neben dieser grundsätzlichen Abwägung (nur bei guter Chance auf erfolgreiche Notlandung den Schirm nicht ziehen) auch einige Situationen gibt, wo ich IMMER den Schirm ziehen würde. Diese sind:

    1. Über Wasser, wenn keine Chance mehr besteht, Festland zu erreichen (den Versuch, Festland zu erreichen, rechtzeitig! abbrechen, wenns nicht gelingt)

    2. Über Wald, wenn keine Chance mehr besteht, unbewaldetes Gebiet zu erreichen (den Versuch, unbewaldetes Gebiet zu erreichen, rechtzeitig! abbrechen, wenns nicht gelingt)

    4. Bei Einflug in IMC, wenn ich die Orientierung und Kontrolle verloren habe

    5. Wenn ich aufgrund struktureller Schäden die Kontrolle verloren habe und nicht sofort (1 bis 2 Sekunden) wieder gewinnen kann

    6. Und vor allem: Beim abschmieren in Höhen unter 1.000 ft gnd würde ich immer sofort den Schirm ziehen

    Was ich mir außerdem vorgenommen habe: Brennt der Flieger, niemals den Schirm ziehen.

    Ich weiß nicht, ob ich in der realen Situation wirklich so handeln würde, wie ich es mir auf der bequemen Couch vorgenommen habe. Ich weiß nicht mal, ob meine Überlegungen wirklich sinnvoll sind. Es sind halt nur meine persönlichen Überlegungen gemixt mit der Tatsache, dass ich bisher noch nie in einer Situation war, in der die Abwägung Notlandung/Schirm ziehen vorgenommen werden musste. Für mich fühlt es sich so jedenfalls am richtigsten/besten an.

    Gruß

    Excalibur 

  • Wie hatten vom Club aus letztes Jahr das Sicherheitstraining im Simulator bei der RUWE AERO in Strausberg gemacht.  Das war echt gut.

    Ein Punkt war, dass das Rettungsgerät oft zu spät aktiviert wird.

    Und der Gedanke, dass bei einer echten, Adrenalin geputschten Notlandung im Acker meist der Selbstbehalt der Kasko schon ausgereizt ist, relativiert "nur im äußersten Notfall"...

    Meist hat man eben sehr wenig Zeit, im Fall der Fälle.

  • Was passiert wenn man korrekt im 4 Punkte Gurt angeschnallt, mit 50 Km/h gegen einer Wand kracht ? Es könnte durchaus sein das man glimpflich davonkommt. Hat jemand konkrete Beispiele/Daten ? Einem Bekannten ist es gelungen das Flugzeug aufzubäumen. Er hat im Obergeschoss eines Hauses seine Reifenspuren hinterlassen und hat den Schwanz dann am Boden meterweise gekürzt. Er selber war leicht verletzt.

    Und gegen einem Baum ?

    Das selbe Szenario zwischen 2 Bäumen sollte sicher gut ausgehen.

    Zwischen Baumkronen ?

    Sehr viel schlechter sieht es mit der vertikalen Geschwindigkeit aus. Es genügt wenig um schwerste Wilbelsäulenschäden mitzunehmen. 

    Ein Fallschirm sinkt schneller als eine Savannah im stall und ist nicht steuerbar.

  • Tja. Was das brennen angeht, lohnt es sich, mal auszurechnen, wie schnell man jeweils am Boden ist, wenn man aus 2000 Fuß landet oder zieht. Achtung, Überraschung!

    ansonsten kann man von der Cirrus-Statistik ziemlich viel lernen - auch wenn beim UL die Energien, Massen und Speeds sehr viel geringer und das Verhalten des Rettungssystems sehr viel schlechter dokumentiert sind. Die Statistik ist insbesondere relevant, was die Sorge über "das unter einem" angeht.

  • Alle die rechtzeitig gezogen haben und das Rettungssystem auch ausgelöst hat,  sind so viel ich weiß am Leben und fast unverletzt. Hier mal ein passender Link  .  

    Beim Absturz der beiden Grasshopper C 42 überlebte der mit Fallschirm. Bei der  zweiten Maschine ging er leider nicht auf. Hier   

    Wie eine Notlandung ohne Schirm im Acker aussieht gibt es hier.    ( für die die es noch nicht kannten) 

    Natürlich ist es hilfreich sich vorher Gedanken zu machen wann ziehe ich.  Das Problem ist leider, obwohl sich ein Pilot noch so viel damit befasst hat kann er von  Notfall Situationen überrascht werden, die er/ sie sich vorher nicht vorstellen konnte. Oder die sehr plötzlich auftrat und schnell ablief.  Oder durch  Stress die einfache Lösung übersehen wurde.  

    Dann hat man mit dem Rettungsgerät zwar alles Richtig gemacht, der Brandhahn zu , im Funk ein Mayday , die Sicherheitsgurte straff.  Ja, und dann treibt es einen in die Oberlandleitung und aus ist es. 

    Manchmal braucht es  einfach eine Schippe Glück.   

  • QDM schrieb:
    Ja, und dann treibt es einen in die Oberlandleitung und aus ist es. 
    Sowas geht mir auch manchmal durch den Kopf. Oder es ist die Autobahn, das Windrad oder die Bahnlinie. Da bräuchte man dann eher ′nen schnell aufblasbaren Heliumballon statt Rettungsschirm... *grins*

    Gruß Lucky

  • Breezer Karl schrieb:
    Aber es soll jetzt in diesem Beitrag auch nicht ums normale und ruhige gerade aus Fliegen gehen, sondern um die Entscheidung - Schirm ziehen oder Landeversuch. Und das jetzt, nicht in 10 Minuten, sondern sofort unmittelbar jetzt und in diesem Moment!
    "Unmittelbar jetzt und in diesem Moment" trifft IMHO am ehesten bei einem Zusammenstoß in der Luft zu. Oder wenn der Vogel die Flügel angeklappt hat. Auf jeden Fall nicht mehr steuerbar ist. Dann ist die Entscheidung einfach: Schirm ziehen.

    Wenn die Kiste brennt, so würde ich eher die Klappen als den Schirm ziehen und so schnell wie möglich runter.

    Wenn ich fliege, dann bin ich meist > 2000 ft AGL und habe etwas Zeit um eine Entscheidung zu treffen. Habe ich bis 500 ft AGL keinen sicheren Landeplatz ausmachen können, dann ziehe ich den Schirm und fange mit dem Beten ah.

    Ich habe übrigends erst seit 20h die Lizenz ...

    VG

    Thomas



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